Schlusspunkt

Im Spannungsfeld zwischen Agilität und Aktionismus

Die Schule bewegt sich, wird modernisiert, Spielräume werden ausgenutzt. Für die Verantwortlichen ist dieser «Reform-Dauerlauf» aber nicht immer einfach zu bewältigen. Wie bleibt die Schule trotz der ständigen Reformen handlungsfähig und flexibel? Eine kurze Geschichte aus dem herausfordernden Alltag eines Schulleiters.

Der Schulleiter sitzt im leeren Schulhaus und blättert durch seine Unterlagen für den Weiterbildungstag. Draussen ist es noch dunkel. Auf dem Titelblatt steht «Schulentwicklung 2026–2029». Er lächelt kurz. Die neue Legislatur rückt näher. In ein paar Monaten werden Schulpflege und Behörden neu zusammengesetzt. Neue Personen, neue Ziele, neue Erwartungen. Er weiss aus Erfahrung, dass mit jeder Wahl auch Bewegung ins System kommt. Man will gestalten. Man will verändern. Man will sichtbar wirken. Am Vorabend hatte er noch mit dem Schulpflegepräsidium telefoniert. Es ging um kantonale Vorgaben, um Spielräume, um politische Versprechen. Der Kanton gibt die Leitplanken vor, die Gemeinde setzt Schwerpunkte, die Behörde formuliert Ziele. Und er sitzt dazwischen und übersetzt für sein Team. Aus Strategie wird Organisation. Aus Zielbildern werden Stundenpläne. Aus Beschlüssen Alltag.

Der Weiterbildungstag beginnt. Lehrpersonen sprechen über den Lehrplan. Er hört genau hin. Der Lehrplan ist verbindlich, aber nie abgeschlossen. Immer wieder wird nachgeschärft, ergänzt, interpretiert. Für ihn ist er längst mehr als ein Dokument. Er ist ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen Anspruch und Machbarkeit. Kurz darauf rückt das Thema Integration in den Fokus. Eine Fachperson beschreibt Förderbedarfe, eine Lehrperson erzählt von einer Klasse, die kaum noch zur Ruhe kommt. Der Schulleiter denkt an die Ressourcenentscheide der Gemeinde, an kantonale Rahmenbedingungen, an die Realität im Klassenzimmer. Dort entscheidet sich, ob Integration trägt oder überfordert. In der Pause spricht ihn eine Lehrperson auf die Tagesstrukturen an. Eltern seien verunsichert, Abläufe hätten sich verändert. Am Nachmittag folgt die Digitalisierung. Geräte sind angeschafft, Plattformen eingeführt und erste Regeln für den Umgang mit KI definiert. Doch Prozesse fehlen, Zuständigkeiten verschwimmen. Er denkt an das Gespräch mit einer Mutter, die fragte, warum Schule sich ständig neu erfinde, während ihr Kind sich nach Verlässlichkeit sehne.

Als der Tag endet, bleibt er noch sitzen. Er ist nicht gegen Reformen. Schule muss sich bewegen. Aber er spürt, wie schnell Bewegung zur Überforderung wird, wenn alles gleichzeitig wirkt. Wahlen, Vorgaben, Erwartungen, Projekte. Agilität fühlt sich dann nicht mehr nach Gestaltungsraum an, sondern nach Reaktion. Ihm wird bewusst, dass diese Fragen im System selbst kaum Platz finden. Zwischen Sitzungen, Unterricht, Elterngesprächen und politischen Vorgaben fehlt oft der Abstand, um Muster zu erkennen und Entscheidungen einzuordnen. Gerade dort, wo viele Ebenen zusammenwirken, hilft ein Blick von aussen, der ordnet, spiegelt und Struktur schafft, ohne die Verantwortung abzunehmen.

Ihm wird klar, dass Schulen in diesem Reform-Dauerlauf nicht nur gute Ideen brauchen, sondern verlässliche Strukturen und saubere Prozesse. Unterstützung, die Schule als System versteht, die politische, organisatorische und pädagogische Ebenen zusammendenkt und Räume schafft, in denen Führung reflektieren darf und Verantwortung nicht allein getragen werden muss. Begleitung, die die richtigen Fragen stellt, Orientierung gibt und Entwicklung so führt, dass sie im Alltag tragfähig bleibt. Nicht als kurzfristige Intervention, sondern als verlässlicher Partner im Hintergrund.

von Esen Özkan Kul

Schulleiter im Spannungsfeld