Nachgefragt

bei Lena Fleisch und Jörg Kündig

Der Zürcher Kantonsrat hat im Rahmen des neuen Berufsauftrages für Lehrpersonen entschieden, die Stundenpauschale sowie den Lektionenfaktor moderat zu erhöhen. Dies soll die bislang unentgeltlich geleisteten Überstunden der Lehrpersonen zumindest teilweise abfedern. Die Mehrkosten von rund 83 Millionen Franken tragen mehrheitlich die Gemeinden, die bereits angekündigt haben, den Entscheid anzufechten. Wir haben bei Lena Fleisch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (ZLV), sowie bei Jörg Kündig, Präsident des Verbands der Gemeindepräsidien des Kantons Zürich (GPV), nachgefragt, wie sie den Kantonsratsentscheid aus Sicht der Lehrpersonen bzw. der Gemeinden beurteilen.

Frau Fleisch, welche Bedeutung haben die Erhöhung der Stundenpauschale von 100 auf 160 Stunden sowie ein leicht höherer Lektionenfaktor für Lehrpersonen in der Praxis?
Lena Fleisch: Es bedeutet, dass die Lehrpersonen weniger unbezahlte Überzeit leisten müssen. Heute arbeiten die Zürcher Lehrpersonen jährlich bis zu 8 Wochen kostenlos, weil der 2017 eingeführte Berufsauftrag von Anfang an strukturelle Fehler hatte. Diese werden nun teilweise korrigiert. Eine vollständige Korrektur ist finanzpolitisch nicht realistisch. Damit müssen und können wir leben. Es ist für die Qualität der Volksschule aber zentral, dass diese wirklich moderate Erhöhung Bestand hat. Wir ersuchen die Gemeinden deshalb, auf ein Referendum zu verzichten.

Herr Kündig, wie beurteilen Sie aus Sicht der Gemeinden die vom Kantonsrat beschlossenen Anpassungen des Berufsauftrags für Lehrpersonen?
Jörg Kündig: Die Lehrpersonen erfüllen eine wichtige und fordernde Aufgabe. Mit der Erhöhung der Entschädigung sollen sie gestärkt werden. Dies allerdings allein über die Löhne erreichen zu wollen, greift zu kurz, und der jetzt per Gesetz festgelegte Schritt ist zudem eindeutig zu gross. Hier von moderat zu sprechen, ist nicht angebracht. Ja, es gibt Handlungsbedarf im Bereich der Bildung, aber es muss darum gehen, nach einer sorgfältigen Analyse die zu verbessernden Punkte zu identifizieren. Das jetzt verabschiedete Gesetz hat das deutlich gemacht.

Frau Fleisch, wie schätzen Sie die Wirkung des aktuellen Kantonsratsentscheids auf die Attraktivität des Lehrerberufs ein?
Lena Fleisch: Die strukturelle Verbesserung des Berufsauftrags macht den Lehrberuf wesentlich attraktiver. Dies aus zwei Gründen: Erstens erlaubt sie den Lehrpersonen, bezahlte Zeit für die Schülerinnen und Schüler aufzuwenden, die bis anhin in der Freizeit geleistet wurde. Das reduziert Stress. Sie werden länger im Beruf bleiben und vermehrt auch wieder höhere Pensen übernehmen können, da diese nun näher an der Wirklichkeit liegen. Das wiederum führt zu gesunden Lehrpersonen. Zweitens ist das «Ja» ein psychologisches Signal, dass unsere Arbeitgeber die Anliegen ihrer Angestellten ernst nehmen und ihre Arbeit wertschätzen.

Herr Kündig, die Gemeinden tragen den Hauptteil der Mehrkosten. Wo sehen Sie die Grenzen der finanziellen Belastbarkeit – und was erwarten Sie vom Kanton? 
Jörg Kündig: Die Bildungskosten werden in den Gemeinden dominant. Sie machen teilweise heute schon mehr als 50 % des Gemeindehaushaltes aus. Ein weiterer Kostenanstieg im Volksschulbereich droht zudem mit weiteren Vorlagen, die in Bearbeitung sind. Ausserdem wird gerne vergessen, dass von den 160 Zürcher Gemeinden 110 sogenannte Einheitsgemeinden sind, also in den Exekutiven auch Bildungsthemen beraten und entschieden werden.
Zentral ist der Kostenteiler. In der Volksschule legt der Kanton die Höhe der Löhne fest – wie eben im jetzt revidierten neuen Berufsauftrag, bezahlt selber aber nur gerade 20 %. Dies entspricht nicht dem Wunsch und dem anerkannten Grundsatzziel, dass derjenige, der die Regeln macht, auch die Kosten tragen soll.
Die Bereitschaft der Gemeinden, höhere Bildungskosten zu akzeptieren, ist erreicht, was sich auch darin zeigt, dass das Referendum gegen die jetzt festgelegten Gesetzesanpassungen breite Unterstützung findet. Die enorme Diskrepanz zwischen Rechtsetzungsbefugnissen und Finanzierungspflichten in diesem Aufgabenbereich wird nicht mehr widerspruchslos hingenommen.
Handlungsbedarf gibt es grundsätzlich, aber insbesondere beim Finanzausgleich und vor allem bei Teilungsschlüssel für die Kosten. Das Thema wird aktuell bleiben.

Gute Schulen sind auf engagierte Lehrpersonen und solide Gemeindefinanzen angewiesen. Wie kann aus Ihrer Sicht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen pädagogischer Qualität und finanzieller Tragbarkeit gelingen?
Lena Fleisch: Geleistete Arbeit wird in jeder Gemeinde bezahlt – die Schule darf keine Ausnahme sein. Die vom Kantonsrat beschlossene moderate Erhöhung der Stundenpauschale für die Klassenlehrpersonen und des Lektionenfaktors stellen bereits einen Kompromiss dar, bei dem wir Lehrpersonen auf einen Teil unserer Ansprüche verzichten. Wir erachten die beschlossene Lösung folglich als ausgewogen. Es ist uns bewusst, dass verschiedene Gemeinden dies rein finanzpolitisch betrachten. Ihnen möchten wir zu bedenken geben: Die Kinder und Jugendlichen sind unsere Zukunft. Investitionen in die Qualität der Volksschule sind sinnvolle Investitionen. Und: Ohne den vom Kanton beschlossenen Verbesserungsschritt wird die Qualität der Volksschule mittel- bis langfristig unter die Räder kommen.

Jörg Kündig: Die Lehrpersonen erfüllen ihre Aufgaben mit viel Engagement, und dieses rein auf finanzielle Rahmenbedingungen abzustützen, wäre nicht korrekt. Die Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, sind sehr vielfältig.  Auf der einen Seite muss das Verhältnis zwischen pädagogischen und Führungsaufgaben überprüft werden. Es geht ausserdem um administrative Erleichterungen. Entscheidend ist, dass gemeinsam über mögliche Verbesserungen nachgedacht wird und die daraus entstehenden Massnahmen angegangen werden.

Das Interview wurde schriftlich geführt von Martin Mächler

Lena Fleisch und Jörg Kündig